Geschichten brauchen Figuren, die sie voran treiben. Man nennt sie auch Protagonisten. Oft haben sie einen Widersacher, der ihnen die Erreichung eines Ziels erschwert. Gleichzeitig können sie beliebig viele Figuren haben, die sie bei der Erreichung ihres Ziels unterstützen. 

„Form follows function“ gilt ein Stück weit auch für das Storytelling. Statt nun beliebige Nebenfiguren zu erfinden, damit die Geschichte irgendwie „voll“ wird, sollten wir eher schauen, welche Funktion sie erfüllen. Welche Aufgabe hat diese Figur? Unterstützt sie den Protagonisten? Bremst sie ihn? Fordert sie ihn heraus oder verbindet sie verschiedene Handlungsstränge?

Melanie Anne Phillips und Chris Huntley – die Entwickler hinter Dramatica – haben verschiedene Rollenmodelle definiert, die sich auf die Figuren anwenden lassen. 

Die Helfer des Protagonisten 

Auf der Seite des Protagonisten werden folgende Rollenmodelle unterschieden: 

Sidekick 

Ein Sidekick unterstützt den Protagonisten durch Vertrauen, Zuspruch und seinen Glauben an ihn oder sie. Er glaubt an den Protagonisten, auch wenn es sonst keiner tut. Was wäre Luke Skywalker ohne R2D2 oder Arielle ohne Fabius?

Guardian 

Ein Guardian tritt wiederum als Beschützer des Protagonisten auf den Plan. Maui aus Vaiana schützt sie schlussendlich auf ihrer Reise, das Herz zu Te Fiti zurück zu bringen. Auch Obi-Wan schützt Luke, als er sich Vader zum Kampf stellt und damit selbst opfert. Es muss sich jedoch nicht immer um körperlichen Schutz handeln, ein Guardian kann den Protagonisten auch von schlechten Entscheidungen abhalten. 

Reason 

Der Reason wiederum appelliert an den Verstand. Sebastian, die Krabbe aus Arielle, hat nur allzu oft versucht, ihr ins Gewissen zu reden. Und ob Luke Skywalker ohne Obi-Wan Kenobi seinen Heimatplaneten jemals verlassen und sich mit der Macht vertraut hätte? An diesem Beispiel sieht man gut, dass eine Figur auch mehrere archetypische Rollen übernehmen kann. 

Sceptic 

Der Sceptic ist nicht zwingend ein Helfer des Protagonisten. Er hinterfragt die Ziele des Protagonisten – und des Antagonisten. Ein Klassiker in dieser Rolle ist Han Solo in Episode 4 – er glaubt nicht an die Ziele der Rebellion und will sich mit dem Geld aus dem Staub machen. Doch am Ende kehrt er zurück und ohne ihn hätte Luke wohl den ersten Todesstern nicht vernichtet. 

Zwei weitere Archetypen – Contagonist und Emotion – stelle ich euch in einem späteren Beitrag vor.  

Das Grundgerüst einer Nebenfigur 

Nun wäre es übertrieben, die Archetypen aus Dramatica wie eine Checkliste zu behandeln und systematisch alle durchzuarbeiten. Beginnt man mit der Entwicklung einer Nebenfigur, so sollte man sich vielmehr fragen, was der Protagonist oder die Protagonistin zur Erreichung ihres Ziels benötigt. 

Jede Figur braucht einen erzählerischen Kern, der begründet, warum es diese Figur geben sollte. Anderenfalls ist sie mehr Statist, wie Menschen auf einem Marktplatz, damit dort ein geschäftiges Treiben entstehen kann. Eine Nebenfigur braucht also eine Beziehung zur Hauptfigur. 

Hierbei helfen dann die benannten Archetypen. Sie stellen jedoch nur den Anfang dar und ermöglichen es uns, sukzessive eine eigene Figur mit eigenem Hintergrund zu entwickeln. 

Leif Norell – Nur ein Sidekick?

Leif Norell habe ich beispielsweise ursprünglich als reinen Sidekick konzipiert. Seine Rolle war klar: Charlotte unterstützen, ihr Mut machen und sie in Bewegung halten. Diese Rolle übernimmt er zu Beginn der Geschichte auch entsprechend. 

Doch je tiefer ich in meine Story einstieg, desto mehr Eigenleben entwickelte er. Mit einem eigenen Konflikt und einer eigenen Vergangenheit wurde er sukzessive zu einer Art zweiten Impact Character für Charlotte. 

Während Kilian eher ihr Weltbild in Frage stellen wird, fordert Leif ihr Selbstbild heraus. 

Nebenfiguren für serielle Formate 

Gerade für serielle Formate reichen rein archetypische Figuren irgendwann nicht mehr aus. Die Nebenfiguren müssen eine entsprechende Tiefe entwickeln, um die Story lange genug tragen zu können. Wenn ihr euch nun also für die Grundfunktion entschieden habt, die die Figur erfüllen soll, könnt ihr beginnen, die Figur weiter auszubauen. 

Welche Charaktereigenschaften braucht es, um die Funktion zu erfüllen? Wie äußern sich diese? Warum ist die Figur so? Wie geht die Figur an Probleme heran? Warum? 

Unweigerlich führen euch solche Fragen zu den Lebensumständen und Hintergründen eurer Figur. Man nehme nur R2-D2 und C3PO. In Episode 4 hat wohl noch niemand damit gerechnet, dass ausgerechnet Lukes Vater den Protokolldroiden als Kind entwickelt hat. Und doch sind es ausgerechnet diese beiden Droiden, deren Geschichte mit der Skywalker-Familie so eng verwoben ist, dass sie uns durch alle sechs Filme der ursprünglichen Star Wars Saga begleiten. 

Über diese Fragen ergeben sich dann potentielle weitere Figuren und so spannt ihr sukzessive ein Netz. Es liegt dann an euch, wie viel Gewicht ihr auf welche Figuren legt. 

Figurenentwicklung mit Dramatica Archetypen
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