Meerjungfrauen zu zeichnen begleitet mich nun schon einige Jahre. Ich kann nicht einmal genau spezifizieren, wo meine Faszination dafür herkommt. Natürlich habe ich als Kind Arielle gesehen, aber ich war auch kein übertriebenes Fangirl. Ich liebte es allerdings schon immer durch das Wasser zu gleiten. Ich denke, dieses Gefühl verbinde ich mit Meerjungfrauen.

Rein zeichnerisch finde ich Flossen auch ästhetisch schöner als Füße. Als Tom Bancroft dann 2016 den Mai zum „Mermay“ deklarierte – einer Zeichenchallenge, bei der den ganzen Monat Meerjungfrauen gezeichnet werden -, machte es noch einmal extra Spaß, diese Fabelwesen zu zeichnen. Der Mermay fand nun mittlerweile mehrere Jahre statt – er ist noch nicht so groß wie „Inktober“, aber definitiv präsenter geworden.
Als ich dann auch noch eine Kindergeschichte über eine Meerjungfrau schrieb, drehten sich meine Gedanken immer wieder um Meerjungfrauen. Irgendwann wollte ich diese Geschichte illustrieren und veröffentlichen.
Force Lines und Basic Shapes
Um dynamische, verspielte Posen zu entwickeln, lohnt es sich, sich zunächst auf die Hauptbewegungsachse zu konzentrieren. Ich beginne daher immer mit einem „Luftballon mit Schnur“. Der „Ballon“ ist hierbei die Grundform für den Kopf und er führt die Bewegung an. Die „Schnur“ wiederum bildet unsere zentrale Bewegungslinie – eine Art Force Line – und ist die Hauptachse der Figur.
Anschließend entscheide ich, wo in etwa der Übergang zwischen Oberkörper und Flosse sein soll. Ich markiere diese Stelle zunächst mit einem einfachen Strich. Nun geht es darum, der Bewegung Volumen zu geben. Hierfür zeichne ich als nächstes die Grundform für den Brustkorb und zwei kleine Kugeln für die Schultern. Je nach Perspektive – vor allem bei Vogel- oder Froschperspektive – zeichne ich auch eine Grundform für das Becken an meiner Markierung ein. Von dort aus kann man dann schwungvoll den Schwanz der Meerjungfrau zeichnen.
Es hilft ungemein, der Kugel und auch dem Brustkorb eine horizontale und eine vertikale Hilfslinie zu geben, um die Ausrichtung eindeutig zu zeigen. Dann ist sofort klar, wohin die Meerjungfrau schaut oder in welche Richtung der Brustkorb ausgerichtet ist.

In den Skizzen oben habe ich die verschiedenen Aspekte farblich gekennzeichnet. Noch dynamischer werden die Posen, wenn man mutiger wird. Hierbei kann es helfen, sich mit „Force Lines“ zu beschäftigen. Michael D. Mattesi schildert in seinem Buch mit vielen Zeichnungen seine Herangehensweise. Besonders hängen geblieben ist bei mir hierbei die Gegenläufigkeit von „Straights“ und „Curves“, um den Fluss der Energie klarer visualisieren zu können. Ich habe dieses Prinzip mit roten Hilfslinien in meiner Skizze versucht zu veranschaulichen.
Buchtipp: Force – Dynamic Life Drawing for Animation von Michael D. Mattesi
Er hat mittlerweile mehrere Bücher zu dem Thema veröffentlicht. Zu seinen Büchern (Affiliate Link)
Wenn ihr das ausprobiert, merkt ihr schnell, dass gerade Bewegungslinien bei Meerjungfrauen irgendwie steif aussehen. Vielmehr sollte die Linie in einer leichten S-Kurve oder einem weiten C-Bogen verlaufen, um eine natürliche Bewegung unter Wasser nachzuempfinden. Die Bewegungslinie erzählt hierbei bereits eine Geschichte über eure Figur. Eine gerade Bewegungslinie spricht für eine zielgerichtete Bewegung. Vielleicht wird die Meerjungfrau gezogen oder schwimmt sehr schnell. Ändert sie die Richtung, wird sie das in einem C-Bogen tun. Schwimmt sie auf der Stelle wiederum, sieht eine S-Kurve sehr schön aus. Sie erinnert vielleicht ein wenig an Seepferdchen. Gerade in diesen dynamischen Posen ist es hilfreich, sich eine gedachte Linie entlang der Schultern und in der Hüfte einzuzeichnen. Diese sollten nie parallel laufen, damit die Pose dynamisch und interessant wirkt. Ich habe diese nachträglich mit Orange eingezeichnet und hier und da wäre definitiv noch mehr Potential gewesen.
Überlegt euch beim Zeichnen also, was eure Meerjungfrau tut und probiert euch einfach in solchen kleinen Skizzen aus. So könnt ihr einfach und schnell Varianten ausprobieren, ohne euch in Details zu verlieren.
Körperproportionen
Das Verhältnis von Oberkörper zu Flosse
In meiner ersten Skizze waren die Figuren alle relativ ausgewogen. Doch was passiert, wenn wir das Verhältnis von Oberkörper zu Flosse variieren? Ich habe das nachfolgend einmal für euch aufgezeichnet, um die Wirkung zu visualisieren.
Zu diesem Zweck startete ich wieder mit dem „Luftballon“, wobei ich die Schnur bewusst unterschiedlich lang zeichnete. Den oberen Teil der Bewegungslinie habe ich versucht stabil zu halten, damit der Oberkörper nicht zusätzlich variiert.

Die erste Figur links orientiert sich bei der Flossenlänge in etwa an menschlichen Durchschnittsporportionen. Die Länge des Unterkörpers entspricht also in etwa der Länge der Beine, würde man die Figur als Menschen zeichnen.
Bei der mittleren Figur habe ich die Flosse kürzer gehalten. Sofort wirkt die Figur kompakter, vielleicht auch kindlicher. In der dritten Figur rechts bin ich in die andere Richtung gegangen und habe die Flosse sehr lang gezeichnet. Die Wirkung verändert sich sofort – auf mich wirkt die Figur eleganter, etwas mehr Sirenenhaft als die typischen Meerjungfrauen, die Disney so berühmt gemacht hat. Etwas mehr „High Fantasy“.
Kopf-Körper Verhältnis
Das Kopf-Körperverhältnis ist beim Zeichnen von Figuren immer ein wichtiger Punkt, um die Wirkung einer Figur zu steuern. Wollen wir die Figur glaubwürdig halten, so hat die Wahl der Kopfgröße für gewöhnlich direkte Auswirkungen auf die Schulterbreite (also damit auch Breite des Brustkorbs) und auf die Größe der Hände. Der Oberkörper muss den Kopf glaubwürdig tragen können und Hände sind in der Regel in etwa so groß wie das Gesicht.
Für diese Demonstration habe ich versucht, unterschiedlich große Kreise mit einer gleich langen Bewegungslinie zu zeichnen. Die Achsen für Schultern und Hüfte (Orange) habe ich hierbei möglichst an der gleichen Stelle eingezeichnet, sodass man die Veränderungen gut im Vergleich sehen kann.

Wie auch beim Zeichnen normaler menschlicher Figuren gilt auch hier: Ein kleines Kopf-Körper-Verhältnis (also großer Kopf im Vergleich zum Körper) sorgt für kindliche Proportionen. Ein großes Kopf-Körper-Verhältnis für ein eher erwachsenen Aussehen.
Es lohnt sich nun beide Aspekte – die Länge der Schwanzflosse und die Größe des Kopfes bewusst zu kombinieren, um unterschiedliche Figuren zu entwerfen.
Flossen inspiriert von der Natur
Flossen gibt es in der Welt der Fische und Meeressäugetiere in vielfältiger Art und Weise. Zunächst solltet ihr einmal entscheiden, wie eure Meerjungfrau schwimmt. Wenn sie eher wie Wale und Delfine schwimmen – also Auf- und Abwärtsbewegung der Hüfte -, dann braucht sie eine waagerechte Flosse. Schwimmt sie eher wie ein Fisch, so bewegt sich die Hüfte eher seitwärts und es könnte eine Art Schlängelbewegung werden.
Diese Grundsatzentscheidung entscheidet also über die Anordnung der Flossen. Wenn ihr euch systematisch einmal mit verschiedenen Fischformen beschäftigen wollt, könnte der Ostsee Fischbestimmer des Deutschen Meeresmuseums ein guter Einstieg sein. Link: https://ostsee-fischbestimmer.de/de/bestimmer
Über den Tab „Flossen“ könnt ihr euch verschiedene Arten von Rücken-, Bauch- und Schwanzflossen anschauen. Für die Schwanzflosse gibt es beispielsweise 5 Kategorien: Gegabelt, gerade, gerundet, spitz zulaufend oder unsymmetrisch. Nach der Auswahl erhaltet ihr eine Übersicht verschiedener Vertreter für die gewählten Kriterien.

Besonders interessant sehen die Flossen von „Kampffischen“ und Schleierschwänzen aus. Hier sehen die Schwanzflossen wesentlich zarter und erzeugen dadurch sehr fließende Bewegungen, was sehr zauberhaft und surreal erscheinen kann. Mit der Google Bildersuche oder bei YouTube findet ihr passende Bilder der Fische, um euch ein eigenes Bild zu machen.
Auch die Schwanzflossen von Walen, auch Fluken genannt, unterscheiden sich in ihrer Form. Vergleicht einfach die Formen eines Buckelwals, eines Blauwals und eines Grauwals. Haltet auch einfach mal einen Orca und einen Tümmler daneben. Die Flossen unterscheiden sich stark von denen der Fische, tragen die Meeressäuger jedoch oft weite Strecken durch die Meere.
Je nachdem, für welche Richtung ihr euch entscheidet, entsteht bereits ein sehr unterschiedlicher Eindruck. Ich persönlich neige intuitiv in der Regel zu einer gegabelten Flosse, die etwas länglicher ist. Auch hierbei kann man dann natürlich wieder stark variieren. Da wir uns im Bereich der Fantasy bewegen, kann man sich hier auch von Blätterformen in der Natur inspirieren lassen. Besonders Ginkgo-Blätter finde ich dafür sehr charmant.
Am Ende ist es euch überlassen, wo ihr euch inspirieren lasst. Im Idealfall passt die Flossenform zu der Figur. Wo lebt sie? In der Tiefsee, im Korallenriff oder legt sie weite Strecken im Ozean zurück? So könnte man unterschiedliche „Stämme“ von Meerjungfrauen entwerfen, deren Flossen sich an ihrem Lebensraum orientieren.

Falls ihr das Buch „Dreamscapes – Creating Magical Angel, Feary & Mermaid Worlds with Watercolor“ (Affiliate Link) zur Hand habt, könnt ihr dort sehr schöne Varianten entdecken. Teilweise wurden Fischarten vollständig als Meerjungfrau interpretiert.
Haare – unter und über Wasser
Im nächsten Schritt schauen wir uns die Haare an. Hierbei geht es mir nun nicht um verschiedene Frisuren. Dafür findet ihr im Internet alle möglichen Tutorials. Mir geht es darum, euren Blick für die besondere Situation unter Wasser und den Kontrast außerhalb des Wassers zu schärfen.
Unter Wasser wirkt alles deutlich leichter als an Land. Die Auftriebskraft des Wassers lässt die Haare schweben. Gleichzeitig finden Veränderungen in der Richtung verzögert statt. Man nennt das „Follow Through“ in der Animation. Die Frauen und Mädchen unter euch kennen das vielleicht. Wer mit offenen Haaren unter Wasser den Kopf dreht, hat erstmal Haare im Gesicht, denn es dauert, bis die Haare der vom Kopf vollzogenen Richtung folgen.
Selbst bei einer Momentaufnahme erzählen uns die Haare also, was gerade passiert ist. Treibt die Meerjungfrau ruhig auf einer Stelle, dann können sich auch die Haare einfach ausbreiten. Kommt sie jedoch aus einer Bewegung, so müssen die Haare diese Bewegung nachvollziehen. Die Haarlänge entscheidet hierbei, wie viel „Follow Through“ wir sehen. Dieses Prinzip gilt natürlich auch für längere Flossenelemente. Die verzögert ablaufenden Bewegungen geben dem Betrachter Aufschluss über Richtung und Geschwindigkeit der Figur in ihrem Bewegungsfluss.
Verlässt die Meerjungfrau wiederum das Wasser, so sind die Haare natürlich nass und liegen eng am Kopf an.

Auf dieser Seite habe ich mit einigen Skizzen versucht, meine Erklärungen zu veranschaulichen. Auch hier hilft es nur, selbst zu experimentieren und wer längere Haare hat, kann beim Baden die Bewegung selbst verfolgen.
Fazit
Das Zeichnen von Meerjungfrauen bietet eine Vielzahl an Variablen mit denen man spielen und sich kreativ austoben darf. Für das Zeichnen der Details eurer Figur, solltet ihr in jedem Fall an die Überschneidungen denken.
Wenn ihr wollt, könnt ihr euch nun 3 ältere Zeichnungen von mir anschauen, deren Entstehungsprozess ich entsprechend dokumentiert habe:
- Meerjungfrau zeichnen (Ein Bild entsteht) (2018)
- Meerjungfrau Schritt für Schritt #30minSkizze (2020)
- Meerjungfrau – Schritt für Schritt (2024)
Ich hoffe, dieser Beitrag konnte euch einige Tipps und Hinweise mit auf den Weg geben, um eure ganz eigene Meerjungfrau zu entwerfen. Noch mehr Anregungen findet ihr in meinem Archiv zum Schlagwort „Meerjungfrau„.
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