Nachruf Gismo

Mein lieber Gismo, gut 16 Jahre ist es her, dass du mir als kleiner Plüschball nach einer ordentlichen Kuschelsession hinterher gelaufen bist und scheinbar entschieden hast, dass du fortan bei mir – uns leben willst. Dabei wollte ich mir mit meiner Mama doch nur die niedlichen Katzenbabys ihrer Nachbarin anschauen.

In diesen Jahren gab es gute wie schlechte Zeiten. Was habe ich geflucht, wenn du nachts die Klingelbällchen gegen unsere Schlafzimmertür geknallt hast oder mal wieder irgendein Kabel durchgekaut hast. BH-Träger und Tops haben auch dran glauben müssen, weswegen du schon bald keinen Zugang mehr zu Schlafzimmer und Büro bekamst.

Wann immer wir die Wohnung verließen, fragten wir uns „ist alles katzensicher?“, damit es dann keine bösen Überraschungen gebe. Wie das Notenblatt, dass über Nacht am E-Piano vergessen wurde und nächsten morgen zerfetzt am Boden lag. Blumen hatten wir schon lange nicht mehr stehen – denn unsere Orchideen hast du gleich zu Beginn komplett abgeräumt. Selbst der Deckel meines alten CD-Player hält nicht mehr, weil du einmal zu oft vom Schrank aus drauf gesprungen bist.

Du hast uns fast schon lehrbuchhaft vorgeführt, was „Kindchenschema“ bedeutet. Als die Kinder Babys waren, lagst du neben ihnen, wurden sie zu unruhig, bist du einfach gegangen. Als sie älter wurden, hast du zunächst mit Samtpfoten bei eingezogenen Krallen vorsichtig gestupst oder ein Händchen weggeschoben, wenn du etwas nicht wolltest. Als sie etwa ein Jahr alt waren, sich überall hoch zogen und du nicht mal mehr auf deinem Lieblingsplatz sicher warst, nahmst du durchaus mal die Krallen dazu. Aber so leicht, dass es zwar einen Schreck und Tränen gab, aber nie tiefere Verletzungen.

Unsere Türklinken sind noch immer nach oben gerichtet, weil du einfach überall rein wolltest. Dank dir konnte unser Kleiner im Kindergarten schon früh solche Türen öffnen – sehr zur unangenehmen Überraschung der Erzieherinnen. Dank dir hatte er das zeitig gelernt.

Überhaupt wurde mir vor allem in den vergangenen Tagen klar, wie sehr du ein Teil unseres Alltags warst. Manchmal war das anstrengend, weil du überall dabei sein wolltest, doch ein Teil von mir wünscht sich, ich hätte dich vielleicht doch hier und da mal gelassen.

Nun wirst du nie mehr vor der Bürotier mauzen, weil du auch rein willst. Dich im Bett, Schrank oder unter dem Tisch verstecken, wohlwissend, dass diese Zimmer ja eigentlich für dich nicht gedacht waren.

Nie mehr wirst du bei der großen auf dem Schulbuch sitzen, wenn sie auf dem Wohnzimmerboden Hausaufgaben macht.

Nie mehr wirst du mit am Tisch sitzen und neugierig schnuppern, was da so alles steht.

Nie mehr wirst du auf unserem E-Piano sitzen und den Kindern beim Klavierspiel zuhören.

Nie mehr wirst du dort sitzen und uns in der Küche beobachten, wie wir die Brotbüchsen schmieren oder die Mahlzeiten zubereiten. Nie mehr uns lautstark erinnern, wenn deine Fresschen-Zeit gekommen ist.

Nie mehr wirst du mich morgens im Bad begrüßen und beobachten, wie alle langsam in den Tag starten.

So oft habe ich mich die letzten Tage dabei ertappt, dass ich dein weißes Fell im Kratzbaum oder einem der Bettchen gesucht habe. Ich schaue auf diese Platz zwischen Couch und Fenster, wo du dich zuletzt zurückgezogen hast, als du merktest, dass deine Zeit bei uns zu Ende geht.

Nun stehen wir da, füllen nur noch einen Fressnapf und erleben wie Mokka noch mehr als sonst mauzend durch die Wohnung läuft. Ob sie dich ruft? Ob sie dir Bescheid geben will, dass du jetzt ihre Reste fressen kannst?

Wir haben dich am Ende im Kreis der Familie zu Hause erlösen lassen, da hattest du schon kaum noch Blutdruck. Bis zuletzt hast du dich stur den weiten Weg vom Fenster zum Katzenbrunnen und zurück geschleppt, selbst als ich dir ein Schälchen hingestellt habe.

Du warst nicht einfach irgendein Kater, du warst unser „Gizzy“ und ein festes Mitglied dieser Familie.

Danke für alles, mein Lieber.

Fotos, alte Skizzen und Alltagsberichte unserer ersten Jahre findet ihr noch in meinem alten Blog.

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